Anders sein? Ist gar nicht schwer!

Wir beobachten oft, dass starke Themen nicht den Weg zur Zielgruppe finden, weil sie falsch erzählt werden. Dabei ist anders sein - und damit aus der Masse herausstechen - gar nicht so schwer. Unser Anspruch: Wir erzählen Geschichten, die anders klingen. Um Sie mit Themen zu begeistern, für die Sie eigentlich gar kein Ohr haben. Doch dann hören Sie doch zu, lesen doch weiter - weil wir Ihnen ein Lächeln auf's Gesicht zaubern. Weil wir Sie berühren. Weil wir Bilder in Ihrem Kopf schaffen und Sie mitnehmen an den Ort, von dem wir berichten. 

So klingt es, wenn wir für den SWR über einen Holländischen Stoffmarkt in Koblenz schlendern.

So klingt es, wenn wir für den SWR in der Weihnachtszeit die JVA Diez besuchen.

So klingt es, wenn wir über das Play-off-Aus eines Eishockeyvereins schreiben.

 

 

 

 

Cappuccino, Filterzigarette, Strand: Die Neuwieder Bären fliegen aus den Play-offs

 

 

Die Luft ist stickig, die Sonne brennt. Nicht mal halb neun, und kaum mehr auszuhalten für einen Europäer. Im La Voglia Matta, nur einen Steinwurf von Johnnys Dive Shop entfernt, vibriert ein Handy. Gedankenverloren wandert der Blick nach draußen, zum Strand. In der linken Hand einen Cappuccino, in der rechten Hand eine Filterzigarette. Eine halbe noch. Sie brennt. Trou aux Biches (ganz wichtig, ohne „t“ geschrieben). Einer der schönsten Strände der Insel, im Nordwesten von Mauritius gelegen. Auch heute wird es wieder über 30 Grad klettern, das Thermometer. Alles gut. Bis auf dieses vibrierende Handy. Lautlos gestellt immerhin. Und trotzdem macht dieses kleine Smartphone, dieser Anker der Zivilisation, an diesem Morgen in Kombination mit dem Holztisch auf dem es liegt, und an dem schon seit einigen Jahren der Lack blättert, einen schier ohrenbetäubenden Lärm. Das Display verrät: die Bären rufen an. Versuchen den Typen zu erreichen, der wo sonst immer die Spielberichte schreibt. Dieser Typ, der im La Voglia Matta längst die bösen Blicke der Dorfältesten geerntet hat. Jetzt greift er endlich zum Handy, meldet sich mit „Sommerpause“. Stille. Vielleicht ein Übertragungsfehler? Oder braucht der Gag einfach nur so lange, bis er im mehr als 9000 Kilometer entfernten Neuwied ankommt? „Egal“, sagt plötzlich die Stimme am anderen Ende der Leitung. „Die Indians haben drei Siege aber keinen Spielbericht. Da wollen wir wenigstens drei Spielberichte.“ „Aber ich war doch gar nicht dabei?“ „Egal“, schallt es humorlos aus der Hörmuschel. „Das warst du doch nie.“ Die Filterzigarette ist noch nicht aufgeraucht, da ist das Gespräch schon wieder beendet. Kurzer Blick zu Pablo an die Theke. „Noch einen Cappuccino bitte. Und, sag Johnny Bescheid, ich komme eine halbe Stunde später zum Tauchen.“

 

Der EHC Neuwied hat auch das dritte Spiel der Play-off-Serie gegen die Hannover Indians verloren. Für die Bären ist die Saison damit beendet, während die Niedersachsen im Viertelfinale der Oberliga-Play-offs auf einen Vertreter aus dem Süden treffen werden. „Gratulation an Hannover“, sagt EHC-Trainer Craig Streu nach der 1:3-Niederlage. „Wer uns drei Mal in Folge schlägt, der steht absolut verdient in der nächsten Runde.“

 

Drei Niederlagen am Stück – und schon ist da wieder dieser Reflex. Der Schiri war aber auch ´ne Katastrophe, oder? Der Sand zwischen den Füßen macht die Gedanken geschmeidig. Mhh, kam beim letzten Mal nicht so gut. Auf der anderen Seite: Hannover ist von Johnnys Dive Shop noch mal ein paar Kilometer weiter entfernt als Neuwied. Egal, schön bei der Wahrheit bleiben.

 

In einem von den Unparteiischen souverän geleiteten Spiel gingen die Gastgeber bereits früh durch Robby Hein in Führung (2.). Doch die Bären ließen sich davon nicht aus der Ruhe bringen, konnten die Partie vor 2167 Zuschauern schon im ersten Drittel über weite Strecken ausgeglichen gestalten. Der EHC scheiterte jedoch wie in allen vorangegangenen Spielen zu häufig im Abschluss an Indians-Keeper Boris Ackers.

 

Das Knattern von Pedros Strandbuggy zerreißt die Ruhe im La Voglia Matta. Pferdeturm in Hannover? Plötzlich ganz weit weg. „Digga, was los? Tauchen?“ Die vielen Touris aus Hamburg haben Pedros Wortschatz geprägt. „Später, Pedro, wir schießen gerade den Ausgleich.“ Pedro schaut so, wie er immer schaut, wenn er sich denkt, die Touristen haben sie nicht mehr alle. „Okay, ich fahre erst an die Tanke.“ Pedro ist Überlebenskünstler, schafft es, den Buggy zu tanken, und trotzdem auf Reserve zu bleiben.

 

Im zweiten Drittel meldeten die Bären sich mit einem Paukenschlag zurück. Kapitän Brian Gibbons brauchte nur 15 Sekunden, um die Partie auszugleichen (21). Doch Neuwied konnte wie in der gesamten Serie auch von diesem Momentum nicht lange zehren. Bradley McGowan traf auf Vorarbeit des ehemaligen Neuwieders Nick Bovenschen zum 2:1 (24.). In einem Spiel der schnellen Tore in jedem Drittel besorgte Hein mit seinem zweiten Treffer zum 3:1 nach 36 Sekunden in Abschnitt drei die endgültige Entscheidung (41.). Hannover hatte nicht nur drei Mal in den Play-offs, sondern auch beide Male in der Saison gegen Neuwied gewonnen und steht damit verdient in der nächsten Runde. Die Bären verabschiedeten sich nach einer starken Saison dennoch mit erhobenem Haupt und präsentieren sich am Pferdeturm als faire Verlierer.

 

Ein leichter Windstoß weht das zweite, noch unbenutzte Blatt Papier vom Tisch. Zu allem übel bricht auch noch der Bleistift ab, und Edina hat es sofort gemerkt, straft mich mit einem bösen Blick ab. Wie soll sie jetzt auf meinem Deckel den Strich für den dritten Cappuccino machen? Das einzige Blatt Papier auf dem Tisch ist bereits vollgeschrieben, der Bleistift abgebrochen. Ach komm, warum heute große Geschichten erzählen. Pedro ist vom Tanken zurück. Wir machen los zu Johnny, besorgen uns auf dem Weg noch eine Papaya. Es geht raus aufs Meer. Ohne Handy. Das liegt noch im La Voglia Matta. Sommerpause.

 

Bericht und Kommentare zum Bericht jetzt auf Facebook lesen.

Druckversion Druckversion | Sitemap
fischkoppMedien